POINT          


'Point' stand seit Jahresbeginn 1975 für Pop - Orientierung - Information - Notizen - Tips. Die Sendung, die ursprünglich 'Pop am Nachmittag' heißen sollte, wurde als Ersatz für den SWF-Pop-Shop eingeführt, den Südfunk 3 zuvor nach 14.00 Uhr übernommen hatte. In der Anfangsphase existierte noch keine feste Redaktion für das Jugendmagazin, das die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen im Visier hatte. Einzig ständiger Redakteur von 'Point' war Hendrik Bussiek, ansonsten war die Sendung der Redaktion von 'Südfunk aktuell' untergeordnet, die auch Beiträge zulieferte. Grundsätzlich wurde bei 'Point' großer Wert auf Inhalte gelegt, man verstand sich als 'Sprachrohr für Jugendliche'. Im Jahre 1976 sorgte 'Point' für einen handfesten Eklat: So wurde am 14. Oktober eine Diskussion mit dem ehemals in der Studentenbewegung aktiven Rudi Dutschke ausgestrahlt.

Diese war der federführenden Politik-Redaktion von Hendrik Bussiek angeblich zu kurzfristig angekündigt worden war. Ferner stand der Vorwurf im Raum, das Gespräch sei 'nicht unparteiisch' geführt worden. Am 27. November dann der nächste Zwischenfall: 'Point' sendete Ausschnitte aus dem Programm des Homosexuellen-Kabaretts 'Brühwarm'. Der zweiminütigen Beitrag war mit keinem Programmverantwortlichen abgesprochen worden und wurde von Politik-Chefredakteur Dr. Roderich Klett im Nachhinein als 'widerwärtig, geschmacklos und schlecht' bezeichnet. Wenig später missbilligte auch der Rundfunkrat die Ausstrahlung. Die Folge war, dass die Programmverantwortlichen Hendrik Bussiek elegant aus dem Verkehr zogen, indem sie ihn quasi nötigten, den Posten des Berlin-Korrespondenten anzunehmen. Als Nachfolger holte man Rüdiger Becker, der zuvor in der Zündfunk-Redaktion des Bayerischen Rundfunks gearbeitet hatte.

In dieser Phase bildeten sich unzählige Hörerinitiativen, die mit Unterschriften gegen den Wechsel in der Point-Leitung protestierten. Grund: Man befürchtete eine konzeptionelle Änderung und "demzufolge eine Entpolitisierung der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen". Dies bestätigte sich jedoch nicht, Point fungierte auch weiterhin als lobbyistisches Sprachrohr für Jugendliche. Häufige Themen waren etwa Lehrstellenknappheit, Drogenkonsum, Schulstress, Verhütung oder Überreaktionen von Politikern und Behörden gegen unbequemes Engagement. Größere Skandale blieben allerdings in der Folgezeit aus.

War das Jugendmagazin zunächst nachmittags ausgestrahlt worden, rückte es nach der Programmreform am 01. Oktober 1979 auf die Abendstunden (zunächst auf 17.00 Uhr, später auf 18.00 Uhr). Redakteure und Moderatoren der Sendung waren zu dieser Zeit neben Rüdiger Becker unter anderem Thomas Roth, Hermann Stange, Susanne Lüdtke Stefan Siller, Michael Weber und Thomas Welzig. Die neue Sendezeit hatte den Vorteil, dass man nun auch zunehmend junge Berufstätige erreichte, was sich natürlich auf die Themen-Auswahl auswirkte. Diese leichte inhaltliche Korrektur tat dem Erfolg von Point jedoch keinen Abbruch. Zum 10-jährigen Jubiläum der Sendung schrieb die SDR-Hauszeitschrift: "Viele Hörer machen deutlich, dass sie gezielt Point einschalten und dass sie diese Sendung als unverwechselbaren und unverzichtbaren Programmbestandteil empfinden."

Neben inhaltlichen Schwerpunkten bot Point natürlich auch regelmäßig musikalische Features: von Interviews über Concert-Reviews bis hin zur Übersetzung von Songtexten. Bis 1984 lief immer sonntags ab 19.00 Uhr der 'Point Plattentest', anschließend stand ein einstündiges Live-Konzert auf dem Programm. Im Plattentest stellte Moderator Günter Verdin neue Singles vor, über die die Hörer per Postkarte abstimmen konnten. Die Sendung existierte übrigens schon vor der Reform des Sonntagsprogramms von SDR 3 (Januar 1982), und zwar auf SDR 2 im 'Club 19'. Im Jahre 1985 wurde der Plattentest durch die Hitparade 'Super 8' ersetzt.

Als Ende der Achtziger das gesamte SDR-3-Programm eine leicht veränderte inhaltliche und musikalische Ausrichtung erhielt, verlor Point seinen lobbyistischen Charakter und mutierte mehr oder weniger zu einem reinen Musikmagazin. Die Sendung an sich blieb den Hörern allerdings bis zum Sendeschluss von SDR 3 im Jahre 1998 erhalten.


Persönliche Anmerkung des Autors: 'Point' war vor allem in den Anfangsjahren ein wirklich außergewöhnliches Programm. War man die eher betulichen Inhalte von Jugendsendungen des Bayerischen Rundfunks gewohnt, waren die Point-Inhalte zunächst beinahe schockierend. Hier wurden brisante Themen angerissen, die zur damaligen Zeit auf anderen öffentlich-rechtlichen Sendern definitiv in der Tabuzone verschwunden wären. Trotz des Skandals im Jahre 1976, dem damit verbundenen Abschied des Redakteurs Hendrik Bussiek (der heute als freier Journalist und Buchautor in Südafrika lebt) und den folgenden massiven Hörer-Protesten muss klar gesagt werden, dass Point beim Süddeutschen Rundfunk einen Rückhalt erfuhr wie er anderswo kaum möglich gewesen wäre. Wahrscheinlich wäre eine derartige Sendung von vorne herein gar nicht konzipiert worden.