FÜNF FRAGEN AN STEFAN SILLER 

 


Stefan Siller wurde am 22. Februar 1950 im ostwestfälischen Herford geboren. Nach dem Abitur volontierte er bei der „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld und studierte dann Politologie und Publizistik an der FU in Berlin. Erste Radio- und Fernseh-Erfahrungen sammelte er beim damaligen SFB, 1979 wechselte er zum SDR nach Stuttgart, zunächst als Fernsehredakteur und POINT-Moderator. Dann gehörte er zum Gründungspersonal von SDR 3 und prägte 30 Jahr lang die „Leute“-Sendung. Seit Ende Dezember 2015 befindet sich Stefan Siller im Ruhestand.

1. Ich fahre von München nach Stuttgart, höre die Sendung „Leute“ und amüsiere mich ganz hervorragend. Bei Ihnen sitzen Hansi Müller und Paul Breitner im Studio. Und Breitner schimpft wie ein Rohrspatz, weil Sie mit ihm partout nicht über ein Wohltätigkeitsspiel reden wollen, sondern über die „Schande von Gijon“ anno 1982, das abgesprochene Fußballspiel zwischen Deutschland und Österreich bei der WM in Spanien. Man hatte den Eindruck, es macht Ihnen Spaß, Breitner zu provozieren. Oder täuschte dieser Eindruck?

Spaß gemacht hat es, aber das war doch keine Provokation. Zwar haben wir die beiden anlässlich des Wohltätigkeitsspiels eingeladen, aber in "Leute" geht es immer auch um Persönlichkeit, Biografie und Meinung des Gastes oder in diesem Fall der Gäste. Da müssen Fragen nach wichtigen, auch unangenehmen Ereignissen möglich sein. Und der Moderator muss nachsetzen, wenn der Gast ausweicht. Wenn sich dann ein Hörer ganz hervorragend amüsiert, ist nicht alles falsch gelaufen.

2. Wie entstand seinerzeit die Idee zu „Leute“ und war es schwierig solch eine wortlastige Sendung im Programm von SDR 3 zu etablieren?

Vater von „Leute“ war 1985 der damalige SDR 3-Chef Herbert Borlinghaus. So gut die Idee war – die Sendung stand nach gut zwei Jahren auf der Kippe. Weil sie ein ungewöhnliches wortlastiges Format hatte, aber auch weil sie kein klares Profil entwickelte. Bei der Diskussion um die mögliche Abschaffung baten Wolfgang Heim und ich um eine Chance, die Sendung zu retten. Wir hatten von Anfang an zu den Moderatoren gehört und wurden 1988 die verantwortlichen Redakteure (und freuen uns, dass es „Leute“ nach über 30 Jahren immer noch gibt).

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3. Sie haben ja ursprünglich auch diverse Magazinsendungen auf SDR 3 (und später auf SWR 1) moderiert. Was hat Sie letztendlich dazu bewogen, sich nahezu komplett auf „Leute“ zu konzentrieren? Und: Welche Studiogäste waren Ihnen – vom Typ her – die liebsten, mit welchen unterhielten Sie sich eher weniger gern? 

Bei SDR 3, dem Radio für den Wilden Süden, habe ich jede Sendung irgendwann moderiert, vom Frühprogramm „Popcorner“ bis zum „Schlafrock“ am späten Abend. Spaß gemacht haben sie alle. Aber „Leute“ ist sicher (für mich jedenfalls) das spannendste und abwechslungsreichste Format, vor allem wenn man nicht nur moderiert, sondern als Redakteur auch Gäste einlädt und für das Format verantwortlich ist. Generell sind Gäste angenehm und spannend, die etwas zu sagen haben (und das auch tun). Natürlich freut man sich, wenn man schnell einen Draht zueinander findet und die Atmosphäre locker ist. Aber man muss nicht unbedingt auf einer Wellenlänge liegen. So ist zum Beispiel Gerhardt Mayer-Vorfelder immer gern zu mir gekommen, obwohl er wusste, dass ich viele seiner Positionen kritisch nachfragen würde. An meine Gespräche mit Harald Schmidt, Jürgen Todenhöfer, Senta Berger, Heiner Geißler, Götz George oder Manfred Rommel erinnere ich mich gern. An die Sendungen mit PR-Berater Moritz Hunzinger und Republikaner-Chef Schönhuber eher weniger.

4. Ein Highlight Ihrer Radio-Laufbahn war sicher auch die Top 1000 x, die Sie zusammen mit Thomas Schmidt moderiert haben. Wie haben Sie diese Zeit heute noch in Erinnerung? Und: Glauben Sie, so etwas wäre auch auf einem anderen Sender in diesem Umfang möglich gewesen oder bot gerade das experimentierfreudige SDR3-Programm hierfür die ideale Plattform? 

Diese Zeit werde ich nicht vergessen. Thomas Schmidt und ich hatten diese verrückte Idee für diesen Weltrekord-Moderations-Marathon. Fünf Tage lang das ganze Programm aushebeln und (neben Nachrichten) nur Hitparade senden – das hatte es noch nie gegeben. Kein Mensch wusste, ob das funktioniert. Das „Radio für den Wilden Süden“ mit seinen Verantwortlichen waren mutig genug, dieses Wagnis einzugehen. Ein tolles Erlebnis – für Macher und Hörer.

5. Bei Ihren Sendungen stand stets die journalistische Komponente stark im Vordergrund. Diese wird leider in der deutschen Hörfunklandschaft – bis auf wenige Ausnahmen – mittlerweile meist sträflich vernachlässigt. Stattdessen klingen viele öffentlich-rechtliche Programme schon fast wie Privatsender. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung und was für eine Zukunft prognostizieren Sie dem Medium Radio? 

Ohne die Gefahr zu verkennen, dass sich Format-Radios immer ähnlicher werden, ist mir um den Qualitätsjournalismus nicht bange. SWR1 ist dafür ein gutes Beispiel. Das Fernsehen hat das Radio nicht verdrängt, und das Internet wird es auch nicht schaffen. Aber die Arbeit wird nicht leichter. Die Welt wird immer komplizierter, Medienkunde immer wichtiger. Guter Journalismus ist nötiger denn je.

Stefan Siller (lks.) kurz vor dem Anpfiff
eines Fußball-Freundschaftsspiels mit dem
Webmaster von sdr3-history.de, Mike Louis.
Das Foto entstand im Jahre 1983.