FÜNF FRAGEN AN THOMAS SCHMIDT   

 








Thomas Schmidt, geboren am 25.05.1957, arbeitet seit Oktober 1984 beim SDR bzw dem späteren SWR. Zunächst in den Regionalprogrammen von Kurpfalz-Radio und Radio Stuttgart, von Herbst 1986 bis August 1998 bei SDR 3 und im ersten Jahr nach der Fusion bei SWR 3. Seit Sommer 1999 gehört er zum Team von SWR 1 BW, wo er zunächst hauptsächlich die Frühsendung "Guten Morgen Baden Württemberg" moderierte. Im Februar 2015 wechselte er in den SWR 1-Nachmittag und hat zudem jeden Samstag seine eigene Wochenendsendung "Schmidts Samstag".

Vor dem Radio gab es auch schon Leben: Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten, Brötchenausfahrer, Praktikant in verschiedenen Agentur- und Tageszeitungsredaktionen, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule München und vier Jahre Redakteur einer Gewerkschaftszeitung.

01. Herr Schmidt, wir schreiben Samstag, den 19. August 1989, 15.00 Uhr. Wo befinden Sie sich gerade?

Im Park der Villa Berg hinter dem SDR-Funkhaus auf einer provisorischen Bühne, wir sind mit einigen Stunden Verzögerung endlich auf der Zielgeraden eines Mammut-Ereignisses, ich muss mich immer mal wieder hinsetzen – der Kreislauf . Nach fünf Tagen mehr oder weniger ununterbrochen im klimatisierten Funkhaus bin ich soeben gegen eine Art Klima-Wand gelaufen, es ist unfassbar heiß und was ich im Moment auch nicht fassen kann: 10.000 Leute stehen vor uns, gekommen, um zwei bleiche, übermüdete Radiomoderatoren zu sehen, die nichts anderes machen, als mit letzter Kraft die bestplatzierten Songs der Marathon-Hitparade Top 1000 X anzusagen. Titel, die von Bandmaschinen abgefahren werden! Besucher, die uns fortwährend Geschenke überreichen, uns zujubeln. Und einem von ihnen hatte ich auch noch bei meinem Gang zur Bühne einen fast vollen Bierbecher auf dem Rasen umgetreten – das gleißende Sonnenlicht, die Wahrnehmung wie durch Watte – ich hatte einfach nicht aufgepasst, wo ich hintrete – es ist mir heute noch peinlich!

02. Wie wurde die Idee zur Top 1000 x geboren? Wie haben Sie diese sechs Tage in Erinnerung? War das für Sie Ihr persönliches Radio-Highlight?

SDR 3 wurde 1989 als sogenanntes Vollprogramm zehn Jahre alt, wir wollten eine richtige Sause machen und das ganze standesgemäß mit einer großen Programmaktion begehen. Stefan Siller und ich haben uns zu diesem Zweck mal bei einem Kasten friesisch herbem Bier zusammengesetzt und einfach mal drauf los gesponnen. Hier wurde zunächst mal die Marathon-Idee geboren, einen Rekord im Dauermoderieren brechen oder so was. Dann haben wir unabhängig voneinander im Guiness-Buch der Rekorde geschmökert und dort die Aktion der Kollegen des Berliner Senders RIAS 2 entdeckt – die hatten zum 750jährigen Stadtjubiläum eine Top 750 auf die Beine gestellt – und beide haben wir in dem Moment das gleiche gedacht: diesen Rekord knacken wir. Und zwar locker. Na gut, es wurde eine ziemlich intensive Zeit. Wir sind da reichlich naiv rangegangen, mussten erst Mal den Programmchef überzeugen, der wiederum den Hörfunkdirektor und der den Intendanten, bestimmt war die Sache auch in diversen Ausschüssen und vor dem Rundfunkrat – aber irgendwann nach ein paar Monaten war unser Antrag durch die Instanzen nur so durch geflutscht und wir konnten loslegen. Trailer machen, Werbetrommel rühren.

Anfangs tröpfelten dann auch ein paar Postkarten ein – jeder Hörer hatte zehn Stimmen – und wir hatten eigentlich keine richtige EDV, geschweige denn eine Ahnung, wie wir das auswerten wollten. Als die Flut der Postkarten dann immer größer wurde, haben sich glücklicherweise wohlwollende Kollegen, die was von Computern verstehen, unseres Projektes angenommen. Nachdem die Stimmen ausgewertet waren, ging es an das grobe kalkulieren, wie lange wir für wie viele Titel brauchen – was an sich schon mal keine leichte Sache ist, ohne computergestützte Programmplanung. Da wir aber auch überhaupt nicht absehen konnten, wie die spätere Welle der Hörerbegeisterung unseren ganzen provisorischen Programmfahrplan sprengen würde, haben wir uns natürlich total verhauen. Immerhin hat der Programmchef Hans Peter Archner mit bewundernswertem Gleichmut einen Canossa-Gang nach dem anderen gemacht und eine Verlängerung nach der anderen ermöglicht. Selbst die „allerletzte Deadline“ – die allerheiligste Sportsendung um 15 Uhr (es war immerhin Bundesligaspieltag) wurde auch noch mal gerissen – der Sport schenkte uns 90 Minuten und begann erst mit der zweiten Halbzeit um 16.30 Uhr. 

Es war einfach die verrückteste Woche meines Radiolebens, ich hatte Bammel, dass wir das zu zweit vielleicht nicht schaffen und nicht die leiseste Ahnung, was wir da im Begriff sind, loszutreten. Es gab Kollegen, die waren davon überzeugt, dass es ein totaler Flop und nach zwei Tagen abgebrochen wird. Doch nach zwei Tagen dämmerte auch ihnen, dass sich das öffentliche Leben mehr und mehr in eine einzige Party verwandelt. Viele Leute haben kaum noch was anderes gemacht als diese Hitparade gehört, mitgefiebert, mitgefeiert, mitgeschnitten – und nach vier Tagen waren in Stuttgart sämtliche Leercassetten ausverkauft. Es brach eine unglaubliche Begeisterung über uns herein, die gerade gestartete Kampagne „Radio für den wilden Süden“ hatte im Grunde erst im Nachhinein ihre Berechtigung bekommen – der wilde Süden, es gab ihn wirklich. Das war seine Geburtsstunde. Und vielleicht war es auch die Geburtsstunde dessen, was man später „Interaktivität“ nennen sollte. Das Radiomacher und Hörer gemeinsam ein Ding auf die Beine stellen, von dem beide vorher noch nicht wissen konnten, wie groß es werden würde. Ich bin glücklich, dass ich dabei sein durfte.

Anmerkung: Die komplette Top 1000 X Liste sowie weitere Mega-Hitparaden von SDR 3 können hier nachgelesen werden: http://www.sdr3-history.de/hitparaden_neu.htm. Vom Finale der Top 1000 X gibt es außerdem Bilder sowie Videoclips.

Foto links: Thomas Schmidt (re.) neben Stefan Siller beim Finale der Top 100 X am 19. August 1989; Foto rechts: Das Buch zur Top 1000 X ist so gut wie vergriffen. Man kann man aber noch gebrauchte Exemplare bestellen.

03. Sie sind mittlerweile nicht mehr in der Frühsendung „Guten Morgen, Baden-Württemberg“ zu hören, was sehr viele Hörer außerordentlich bedauern. Wie kam es dazu?

Wie bei der Top Tausend X gilt auch hier: ich bin glücklich, dass ich über eine so lange Zeit ein Morning-Anchor sein durfte: über 30 Jahre. Erst in den regionalen Frühmagazinen , dann bei SDR 3 und schließlich in SWR 1BW. 30 Jahre in der wichtigsten Radiozeit moderieren zu dürfen, sind in unserem schnelllebigen Medium ein Haufen Holz und keine Selbstverständlichkeit. Morgensendungen sind das schönste, was man im Radio machen darf. Aber machen wir uns nichts vor: wir werden alle nicht jünger. Der Job kostet Kraft und das wochenweise Mitten-In-Der-Nacht-Aufstehen geht an die Substanz. In einem seltenen schlauen Moment habe ich mal in meinen Körper hineingehört und der flüsterte in fast schon vorwurfsvollem Ton: Wie lange willst du das noch mit mir machen? Kurz und gut, ich hatte nach all den langen Jahren Frühschicht einfach das Bedürfnis, mal was anderes zu tun und das bitteschön zu etwas normaleren und gesünderen Arbeitszeiten.

Ich spürte die Gefahr: Eines Tages erscheine ich nur noch widerwillig zum Frühdienst und kann dann meinen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden: die Hörer freundlich, unterhaltsam und informativ in den Tag zu bringen – und zwar so, dass sie möglichst auch schon mal gelächelt haben, bevor sie an die Arbeit gehen. Dass ich manchen Hörern morgens fehle, bekomme ich öfters zu hören – das tut mir einerseits natürlich leid, es tut mir aber auch gut, denn dann war’s ja wohl nicht so ganz schlecht, mit mir wach zu werden. Das bestätigt übrigens noch einen weiteren Beweggrund: Man sollte aufhören, solange es die Leute noch schade finden.

04. Wenn man die Programme von SWR 1 RP und SWR 1 BW vergleicht, fallen einem deutliche Unterschiede in Moderation und Musikauswahl auf. Warum ist das so? Und: Liegt es im Bereich des Möglichen, dass die Programme irgendwann zusammengeschaltet werden?

Ich weiß nicht, ob die Unterschiede wirklich so gravierend sind. Wir folgen im SWR ja alle einer gewissen Flottenstrategie, und die drei SWR 1-Standorte Stuttgart, Mainz und Baden-Baden stehen im ständigen Austausch untereinander. Mag sein, dass es in SWR 1 BW mitunter bei der Musik etwas kantiger zugeht und die Moderation etwas anders klingt – aber beide Landesprogramme sollen ja auch ihre eigene Handschrift zugunsten einer jeweiligen Landesidentität haben - sonst könnte man sie gleich zusammenschalten. 

Aber eine derartige Zusammenschaltung war bei uns im Haus noch nie ein Thema. Es sei denn, es wäre in irgendwelchen geheimen Zirkeln darüber gesprochen worden – aber denen gehöre ich nicht an. Andererseits bin ich kein Prophet – unsere Medienlandschaft ist dauernd Veränderungen ausgesetzt. Deshalb kann kein Mensch sagen: es wird diese Programmflotte in dieser Form bis ans Ende aller Tage geben. Aber von jetzt auf gleich wird das kaum passieren, da müsste ja erst mal wieder ein neuer Staatsvertrag ausgehandelt werden. Und dass die Landtage einem Weniger an Landesidentität zustimmen, das halte ich dann doch für äußerst fraglich.

05. Sie sind nun seit 30 Jahren für den SDR bzw. den SWR tätig. Wie fällt Ihre Bilanz aus? 

Inzwischen sind es sogar etwas mehr als 31 Jahre. Und wenn ich jetzt eine Festanstellung bekäme, würde man mich unter der Rubrik "Personalia" als "neuen Mitarbeiter" begrüßen.

Tja, wie sieht meine Bilanz aus. In erster Linie habe ich einen Traumjob. Ich darf seit langer Zeit machen, was ich mir schon als Zehnjähriger gewünscht habe. Und das mit großem Spaß. Es gab kaum einen Tag, an dem ich bei der Arbeit mal nicht gelacht habe. Ich habe viele nette Kollegen, teilweise ist es geradezu familiär und es wird nie langweilig. Das liegt natürlich auch an den vielen Veränderungen, die sich durch ein längeres Berufsleben ziehen. Beginnend bei der Technik – früher haben wir Vinylplatten aufgelegt und Magnetbänder abgespielt, Beiträge mit der Schere geschnitten und dabei manchmal fluchend Papierkörbe nach Schnipseln durchsucht, die man aus Versehen weggeschmissen hatte. Heute ist alles digital, man "schneidet" mit der Computermaus in Sekundenbruchteilen. Setzt man einen falschen Schnitt, klickt man auf "Undo"und alles ist wie vorher. Platten und CDs finden nur noch selten den Weg ins Sendestudio, die Musik kommt von Festplatte und der "Radiomax" bestückt automatisch jeden nächsten Song. Das vereinfacht Vieles – doch es beraubt einen auch des sinnlichen Eindrucks, den man früher beim Herausziehen einer Platte oder CD aus dem Cover hatte. 

Verändert hat sich nicht nur die Technik, sondern auch die Herangehensweise beim Programm machen. Also der sogenannte "Workflow". Es wird sehr viel mehr geplant als früher, es gibt mehr Systematik, mehr Kommunikation, schon alleine dadurch, dass Sendestudio und viele Redaktionsbüros nicht mehr getrennt, sondern in einem einzigen großen Raum untergebracht sind . Das hat Vorteile, Sendungen werden verlässlicher und gründlicher vorbereitet. Der Nachteil: für Spontanes fehlt mir für meinen Geschmack etwas zu häufig die Luft zum Atmen. Einfach mal ins Studio schlappen, Stapel Platten dabei, loslegen und gucken, was passiert – das ist längst passé. Bisschen schade, aber die Zeiten ändern sich, und bevor ich die Vergangenheit verkläre: Genau diese gerade genannte Herangehensweise hat früher bisweilen zu Sendungen geführt, die ich heute lieber nicht mehr hören möchte.

Die Zukunft? Schwer zu sagen, aber sie wird noch mehr das sein, was sie ohnehin schon ist – multimedial und interaktiv. Als Radiomacher ist man ja nicht mehr nur mit dem reinen Medium Radio befasst. Visual Radio wäre jetzt das Stichwort – der Moderator ist längst nicht mehr nur eine Stimme ohne Gesicht. Millionen erotischer Träume sind geplatzt, seit man die Radiomenschen auch sehen kann – früher noch per Ruckel-Web-Cam , inzwischen wie Fernsehen im Stream auf der Webseite. Es ist nicht mehr nur damit getan, sich auf sein gesprochenes Wort zu konzentrieren – man wird ja gleichzeitig auch abgefilmt. Wie stehe ich da, was ziehe ich an - und gedankenverloren in der Nase popeln während die Musik läuft, sollte man auch tunlichst vermeiden. Die ganze Welt kann schließlich zugucken, und zwar ganz genau! Dank immer höherauflöslicher Bilder habe ich auch schon die Frage gestellt bekommen, wer mich da auf meinem Handydisplay eigentlich anlächelt. Das finde ich einerseits nervig – andererseits gucke ich selber gerne bei anderen Sendern ins Studio um mal zu sehen, wie die so arbeiten. 

Die Verquickung von Radio und Internet wird in jedem Fall immer wichtiger. Und wird das Radio möglicherweise auch verändern. Mal abwarten, ob sich der Trend fortsetzt, dass die jetzt sehr junge Generation für ihr Musik- und Informationsbedürfnis die im Netz verfügbaren Inhalte selber zu einer Art Programm zusammenschustert, und das alte lineare Radio in ihrer Erlebniswelt eine immer kleinere Rolle spielt. Doch für absehbar längere Zeit stellt ja noch die Generation BabyBoom den Großteil der Gesellschaft, die wohl eher das Radio in klassischer Form bevorzugt. 

Wenn ich mir für die Zukunft was wünschen dürfte – ich fände die Einrichtung von Spartenkanälen als digitales Zusatzangebot eine feine Sache. Ist zwar aufgrund der Kassen - wie auch der politischen Lage - momentan völlig undenkbar. Und doch sehe ich mich auf meine alten Tage irgendwann in einem solchen Spartenangebot für Jazz , Funk, Soul, Lounge und Disco herumturnen. Man darf nur nie aufhören, zu träumen. Wie heißt es so schön und sinngemäß bei AFN: You stay young by believin‘ in the future instead of hangin‘ on to the past.